Zermatt–St. Moritz im Auto oder im Zug
Gleicher Abfahrtsort – gleiches Ziel – zwei Reisende – zwei Verkehrsmittel – zwei Routen
Im Auto
An einem Tag von Zermatt nach St. Moritz mit dem Auto: Das bedeutet neun Stunden hinter dem Steuer auf einer abwechslungsreichen, äusserst reizvollen Strecke.
Das Navigerät des Renault Mégane CC TCe 130 lotst mich über den Furka- und Oberalppass, durch die Surselva nach Tiefencastel und über den Julier. Das ist die kürzeste (283 km) und schnellste (6 Std.) Strecke, um mit dem Auto von Zermatt nach St. Moritz zu gelangen. Will ich aber nicht. Wozu auch die Eile, denn hier handelt es sich um eine touristische Genussstrecke, wo man nicht möglichst rasch von A nach B kommen will. So entscheide ich mich für die «Drei-Seen-Variante» (370 km), welche zweimal durch Italien führt: Zermatt–Simplonpass–Verbania–Lago Maggiore–Locarno–Lugano–Luganersee–Porlezza–Comersee–Chiavenna–Malojapass–St. Moritz.
Oben mit
Der Reisetag anfangs August zeigt sich von der miesen Seite: Mehr oder weniger Dauerregen, das Cabriodach bleibt oben. Ich starte um 10.15 Uhr in der Autoeinstellhalle in Täsch – Zermatt ist autofrei – und treffe nach einer halben Stunde in Visp ein. Im Schritttempo wälzt sich der Verkehr durch die Ortschaft. Zügig dann über die gut ausgebaute Strasse auf den Simplonpass, wo um 12 Uhr eine Kaffeepause drinliegt. Sich auf der Passhöhe ein wenig die «Beine zu vertreten» lohnt sich schon allein der Landschaft wegen, selbst bei einer «Sommer»-Temperatur von bloss 9° C.
Weiter gehts durch die enge Gondoschlucht auf die italienische Seite nach Domodossola, wo ein holpriges Autobahnteilstück nach Verbania am Lago Maggiore führt; Mittagspause im sympathischen Ristorante «Mignon». Bis Locarno dem See entlang durch die malerischen Dörfer Cannero Riviera, Cannobio und Ascona; aus zeitlichen Gründen verzichte ich auf eine Besichtigung. Dank rassiger Beschleunigung durch den Turbolader bezwinge ich auf der Autobahn den Monte Ceneri bis Lugano. Ab Grenzübertritt in Gandria am Luganersee ist die Strecke zwar sehr reizvoll, aber die Strasse eng, und es herrscht Hochsommer-Verkehr. Besser wirds dann ab Porlezza über die Hügel hinab nach Menaggio am Comersee. Auch hier dem See entlang durch pittoreske Dörfer, aus Zeitgründen wieder ohne Halt. Die Serpentinenstrasse des Malojapasses führt mich schliesslich um 19.30 Uhr bei strömendem Regen nach St. Moritz, dem Zielort.
Preise & Tipps
Im Zug
So lässt es sich geniessen: Während einem das Mittagessen an den Sitzplatz gebracht wird, kann der Blick über 291 Brücken, 91 Tunnels und legendäre Viadukte schweifen.
Pünktlich um 10.10 Uhr rollt der Panoramawagen des Glacier Express aus dem Bahnhof Zermatt. «Ambri», also bergab geht es durch Lärchenwälder und Lawinenschutzbauten, bei einem letzten Blick zurück lässt sich bei gutem Wetter noch ein Blick auf das Matterhorn erhaschen. Aber an diesem Tag hängen die Wolken tief und triefen vor Regen.
Doch wird die Aufmerksamkeit erst einmal vom Personal beansprucht. In immerwährender Freundlichkeit werden Getränke aufgetischt und Wünsche für das Mittagessen erfragt. Gulasch, Fisch oder doch lieber ein vegetarisches Gemüseplätzchen? Bis der Glacier Express durch Visp rattert, sind auch diese Fragen geklärt und das Auge gleitet über grüne Matten, wiederkäuende Kühe und Chalets mit Namen Enzian, Bettina oder Morgenrot.
Um 11.45 Uhr hält der Zug in Brig und nimmt neue Gäste auf. Das Abteil ist nun bis auf den letzten Platz gefüllt – was praktisch immer der Fall ist, buchen pro Jahr doch gut 250 000 Gäste eine Fahrt mit dem Glacier Express. Kurz nach 12 Uhr wird das Mittagessen direkt an den Sitzplatz serviert. Fleisch, Gemüse und Reis werden nach Belieben geschöpft, Nachschlag kann jederzeit verlangt werden.
Eindrückliche Viadukte
Um 13.45 Uhr befindet sich der Glacier Express auf der höchsten Stelle seiner Reise. Mittels Zahnrad hat er sich auf 2033 Meter über Meer heraufgearbeitet. Die Landschaft wirkt im Regen und bei den tief hängenden Wolken unwirtlich, an einigen Orten liegen noch einige Resten gräulichen Schnees.
Hinter Chur bringen sich die Gäste in Stellung. Es gilt, eines der Highlights der Reise zu fotografieren: Das Landwasserviadukt. Kein Prospekt des Glacier Express kommt ohne das 130 Meter lange und 65 Meter hohe Sujet aus. Doch wer es fotografisch festhalten will, muss schnell sein. Nur wenige Sekunden müssen reichen, um auf den Auslöser zu drücken. Immerhin bieten sich auch auf der Albulalinie mit sechs Viadukten noch spektakuläre Ansichten. Wenn der Glacier Express nach achteinhalb Stunden in St. Moritz eintrifft, sollte die Speicherkarte der Kamera trotz Regen also gut gefüllt sein.
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