Toggenburger Winterfreuden
Anders als viele überlaufene Ferienorte hat das Toggenburg (SG) noch eine überschaubare Grösse und die Identität einer Bergregion bewahrt. Auf Schneeschuhen lässt sich die Gegend nach Herzenslust erkunden.
Wer allergisch ist auf Städte in den Bergen, auf jene bekannten Ferienorte, in denen es von Menschen nur so wimmelt, der ist im Toggenburg im Kanton St. Gallen
genau richtig. Und er wird sich in Örtchen wie Wildhaus, Unterwasser oder Alt St. Johann wohl fühlen. Das tägliche Leben plätschert hier zwischen Schule, Post, Gasthaus und Dorfläden friedlich dahin. Das soziale Gefüge ist, weil vom Massentourismus verschont, intakt geblieben. Diese dörfliche Atmosphäre bringt auch die gesuchte Ruhe in den Ferien.
Im Gänsemarsch
Aber Wintersport-Anhänger können versichert sein, dass sie an der richtigen Adresse sind. Das Toggenburg ist die Heimat von Skisprung-Champion Simon Ammann und Karl Alpiger, Abfahrts-Bronzemedaillengewinner an der Weltmeisterschaft 1987 und 1989. Seine Familie betreibt so manches Geschäft oder Restaurant in der Region. Mit modernen Seilbahnen sind Gäste rasch in einem Skigebiet, das bis in Höhen von 2300 Meter reicht und die Möglichkeit für sämtliche Wintersportarten bietet.
Für Schneeschuhfans gibt es rund zwanzig Routen zu entdecken. Damit das Unterfangen nicht zu stark in die Beine fährt, sollte es langsam angegangen und mit einem zweistündigen Marsch von Sellamatt nach Zinggen beginnen. Start ist bei der Bergstation des Sellamatt-Sesselliftes auf 1390 Metern. Die ersten Schritte sind nicht so einfach, denn wegen der Breite der Schneeschuhe muss man sich mit leicht gespreizten Beinen fortbewegen. Im Gänsemarsch geht es die ersten Meter des markierten Pfades los – ein Abstieg, dicht gefolgt von einem steilen Aufstieg. Der Atem geht schneller, das Herz pocht im Brustkasten.
Glücklicherweise ist die Fortsetzung etwas gnädiger: In Serpentinen führt der Trail auf ein Plateau mit einzigartiger Aussicht auf das Wahrzeichen des Toggenburgs, die Gebirgskette der Churfirsten. Niemand wird müde, sie immer und immer wieder zu bestaunen: Wie gleichmässige Wellen heben sich die Gipfel vom blauen Himmel ab. Nach diesem prächtigen Anblick marschieren alle auf der Route weiter, die durch ein Gelände führt, das Skifahrer nicht erreichen können. In einer Waldlichtung mitten im Unterholz wird ein Halt eingeschaltet. Alle lauschen dem Wind, der durch die Wipfel bläst, und bestaunen die vorbeiziehenden Wolken, deren Umrisse an allerlei Tiere denken lassen. Die Begegnung mit der Natur ist es vor allem, die den speziellen Reiz von Schneeschuhwanderungen ausmacht. Abseits der Skipisten ist man nicht selten ganz allein in völlig unberührter Landschaft. In den zwei Stunden sind nur gerade zwei andere Wanderer aufgetaucht.
Handy und Picknick
So erholsam Einsamkeit ist, sie kann auch ihre Schattenseiten haben. Dann zum Beispiel, wenn Wanderer sich verirren oder ganz plötzlich Kohldampf kriegen. Elementare Vorsichtsmassnahme: Handy und Picknick immer mitnehmen. Zu empfehlen ist regelmässiges Trinken, um den Flüssigkeitsverlust durch die Anstrengung auszugleichen. Vor allem im Winter, wenn es kalt ist. Da die Gruppe an der Sonne marschiert, nehmen alle jede zehn Minuten einen Schluck. Obwohl es warm ist, sind an einer schattigen Stelle lange Eiszapfen zu sehen. Dann führt der markierte Pfad wieder zum Ausgangspunkt, dem Sessellift Sellamatt zurück. Auf der Terrasse des Restaurants macht es sich die Gruppe gemütlich und jeder gönnt sich einen wohlverdienten Apfelkuchen. Die Bilanz dieses ersten Marsches fällt positiv aus, für den nächsten Tag wird eine deftigere Tour ins Auge gefasst. Im Morgengrauen, als das Dorf Wildhaus noch schläft, schnallen sich alle ihre Schneeschuhe an, um nach Gamplüt, später nach Fros aufzusteigen. Vor den Schneeschuhwanderern liegen 350 Höhenmeter über eine Strecke von sechs Kilometern, was einer Marschzeit von etwa drei Stunden entspricht.
Bevor es los geht, sind ein paar Aufwärmübungen auf dem Parkplatz Chuchitobel angesagt, denn auf dieser Route ist nichts mit langsamer Steigerung. Gleich zu Beginn steht ein strenger Aufstieg an. Alle meistern den Hang und stellen am Waldausgang fest, dass der Gipfel noch nicht in Sicht ist. Nach einer weiteren halben Stunde taucht Gamplüt auf, von wo aus mühelos Fros, der höchste Punkt dieser Tour, anmarschiert wird. Schweissgebadet, aber glücklich rasten die Schneeschuhwanderer am Fuss des Berges, dessen Formen an die Züge eines menschlichen Gesichts erinnern, was die Aufmerksamkeit der Touristen, die in Wildhaus vorbeikommen, auf sich zieht. Nach bestandener zweiter Prüfung ist jedermann für anspruchsvollere Touren von fünf bis sechs Stunden gerüstet – davon gibt es im Toggenburg mehrere.
Blick auf den Säntis
Als Belohnung und um den müden Beinen etwas Erholung zu gönnen, genehmigen sich die Teilnehmer den beschaulichen Ausflug zu den Schwendiseen. Hinauf geht es per Sessellift bis Wildhaus-Oberdorf, von wo aus alle auf dem Höhenweg die atemberaubende Sicht auf den Säntis geniessen. Informationstafeln rund um die Seen geben Auskunft über die Flora und Fauna. Auf dem Rückweg legen die Schneeschuhfreaks in einem sympathischen Berggasthaus einen «Zvierihalt» ein. Mit dem Blick auf eine tolle Berglandschaft lässt sich der Tag auf schöne Weise beschliessen.
Das Toggenburg will dem wachsenden Bedürfnis nach Natur gerecht werden
Mit seiner Topografie und dem im Laufe der Jahre ausgebauten Wegnetz bietet das Toggenburg ideale Voraussetzungen für Schneeschuhtouren. Heute stehen 19 Touren zur Auswahl, «was grundlegenden Bedürfnissen entspricht», erklärt Susanne Wickli von Toggenburg Tourismus. Sie glaubt fest an weitere Entwicklungsmöglichkeiten: «Wir sind vom touristischen Potenzial dieser Sportart überzeugt und wollen neue Hotelpauschalen anbieten, die aufs Schneeschuhlaufen ausgerichtet sind.» Dieses Angebot kommt nicht nur dem Bedürfnis nach dem Naturerlebnis, sondern auch dem Wunsch der Feriengäste nach vielseitigen Aktivitäten von Skifahren bis Schneeschuhlaufen entgegen: «Viele Schneeschuhsportler sind Individualisten auf der Suche nach Ruhe und Erholung», betont Susanne Wickli.
Mehr Informationen gibts beim Verkehrsverein Toggenburg, Telefon 071 999 99 11, www.toggenburg.ch.
Auch beim Schneeschuhlaufen lohnt es sich, immer genügend Erholungszeit einzuplanen.
___________________________ Im Toggenburg führen Schneeschuhtouren durch idyllische und unberührte Landschaften.

