Im Banne des Mekongs
Von den Bergen Laos bis zur Unendlichkeit des vietnamesischen Deltas: Eine Reise entlang dem Mekong mit einem Stopp in Angkor Vat, in Kambodscha
Kauernd sitzen alle Passagiere in der motorisierten Piroge die rasch dem Ufer entgegen fährt. Kaum von Bord, reicht der thailändische Führer, der die Gruppe in Chiang Rai in Empfang genommen hatte, an seinen laotischen Freund weiter; der begleitet sie zum Zollamt, wo das Einreisevisum ausgestellt wird. Wir befinden uns mitten im «goldenen Dreieck», dort wo der Mekong die Grenzlinien zwischen Thailand, Laos und Myanmar – dem ehemaligen Burma – zeichnet. Ein Gebiet, das an zwielichtige Geschäfte mit Opium und Rubinen erinnert, heute aber vorab von Touristenscharen gekennzeichnet ist. Wir machen uns auf, eines der geheimnisvollsten Länder dieser Welt zu entdecken, das letzte auf der Halbinsel des ehemaligen Indochinas, das sich den ausländischen Besuchern geöffnet hat. Die Demokratische Volksrepublik Laos, seit 1975 von einem kommunistischen Regime gesteuert, scheint noch gänzlich uneingenommen von der Globalisierung, welche die Nachbarländer bereits erfasst hat.
Der Fluss ist das Leben
Schnell bemerkt der Besucher, dass sich die Menschen hier einen Lebensrhythmus bewahrt haben, der früher ganz Asien charakterisiert hat: eine Gemächlichkeit, die westliche Besucher seit jeher fasziniert hat. Ein Rhythmus, der geradezu vom ruhigen Fliessen des Mekongs bestimmt zu sein scheint. Der Fluss bildet auch heute noch die Hauptkommunikationsachse in Laos, einem Land ohne Meerzugang, das von Bergpanoramen abgeschirmt, starke Erinnerungen an die Schweiz hervorruft. Von Zeit zu Zeit nimmt das stille Treiben des grossen, schlammfarbenen Flusses ein Ende. Ungestüm rauschen die schäumenden Stromschnellen hinab in die von dichter Vegetation bewachsenen Bergschluchten. An diesen Abhängen und Uferläufen leben auch heute noch Eingeborenenstämme, die wie aus einem schwarz-weissen Dokumentarfilm entsteigen, von der Modernität noch gänzlich unberührt scheinen. Bei jeder Kurve, jeder Flussschleife oder Bucht kann der Fluss komplett unterschiedliche Szenarien enthüllen und aussergewöhnliche Überraschungen bereithalten. Wie die heiligen Grotten von Pak Ou, welche die Mündung mit dem Fluss Nam Ou beherrschen, und über steile, im Fels sich hochziehende Stufen zu erreichen sind. Hier, im Halbdunkel der Höhlen reihen sich zu hunderten Buddha-Statuen und Statuetten auf, deren sich immer wiederholende Profile eine Atmosphäre voll antiker Magie schaffen. Danach gibt es einen Halt im Dorf Ban Xang Hai, wo Reisschnaps gebrannt wird. Das Ausschlagen eines Gläschens könnte beleidigend wirken, deshalb kosten alle von der transparenten Flüssigkeit, die den Magen in Feuer und Flamme versetzt.
Bei den Mönchen in Luang Prabang
Das Schiff legt später in Luang Prabang an, ehemaliger Hauptsitz der Könige und eine Stadt voll wunderschöner Tempel, in denen kahl geschorene und in den typisch orangefarbenen Gewändern gehüllte Mönche wohnen. Der schönste Tempel ist vermutlich jener von Vat Xieng Thong, mit den charakteristischen, übereinander gesetzten Dächern, welche bis zum Boden hinunter reichen. Es lohnt sich, auf den Berg Phousi zu steigen, um den Sonnenuntergang über der Stadt und den Mekong zu bewundern. Gleichzeitig darf man sich auch einen Spaziergang inmitten der farbenfrohen Stände des H’mong- Marktes nicht entgehen lassen.
Eine grausame Vergangenheit
Via Flugzeug verlassen wir diese Perle von einer Stadt in Richtung der heutigen Hauptstadt Ventiane. Ventiane ist auch Zwischenetappe auf der weiteren Flugreise Richtung Pakse im Süden des Landes. In diesem Gebiet hat sich der Mekong talwärts in seinem Flussbett verdoppelt, wenn nicht sogar verdreifacht. An Bord eines traditionellen Schiffes fahren wir bis zur antiken Königshauptstadt Chamassak hinab. In deren Umgebung liegt die Ausgrabungsstätte von Vat Phou, ein Weltkulturerbe der Unesco. Erbaut wurde sie von dem antiken Volk der Khmer. In dieser eindrucksvollen Anlage wurden auch Menschen geopfert, wie der enorme Granitstein bezeugt, auf welchem junge Mädchen zur Beschwichtigung der Götter ihr Leben gaben. Nächstes Ziel sind die «4000 Inseln », eine an Kambodscha angrenzenden Region, wo sich der Mekong in ein Labyrinth von Wasserläufen verzweigt. Hier erreicht der Fluss während der Regensaison eine Rekordbreite von 14 Kilometern und der Rückgang der Flut hinterlässt eine Unmenge von Inseln verschiedenster Grössen. Der Atem stockt angesichts des kraftvollen Schauspiels der Khone-Phapeng-Fälle, die grössten auf den 4350 Kilometern, die der Mekong von seiner Quelle in Tibet bis zum Mündungsgebiet im chinesischen Meer zurücklegt.
Im Reich der Khmer
Mit Wehmut verlässt die Reisegruppe Laos und freut sich auf eine andere beeindruckende Sehenswürdigkeit: Angkor Vat. Nur schon diese Ausgrabungsstätte, welche sich am Rande der Stadt Siem Reap erhebt, wäre eine Reise nach Kambodscha wert. Diese religiöse Anlage ist dem hinduistischen Gott Visnù geweiht und gilt als herausragendes Meisterwerk der Kunst und Architektur der Khmer. Möglicherweise sind nur die ägyptischen Pyramiden und die chinesische Mauer in ihrer Grandiosität damit vergleichbar und keine Worte könnten getreu wiedergeben, welche Empfindungen beim Umhergehen zwischen den hunderten von Turmspitzen und fein ausgearbeiteten Mauern von Angkor Vat hervorgerufen werden. Ebenso faszinierend ist Angkor Thom. Auch diese Anlage wurde während der Zeit der französischen Herrschaft ans Licht gebracht. Sie verdankt ihren Ruhm den 54 Türmen, die auf allen vier Seiten gemeisselt, ebenso viele menschliche Gesichter aufweisen. Auf diese Weise, welche Perspektive auch gewählt wird, findet man sich immer vor einem riesigen Steingesicht wieder und umgeben von anderen gigantischen Profilen, wie in einem Spiel mit gegenüber gestellten Spiegeln. Zwischen den Pagoden des Tempels wandernd, hat man den Eindruck, von einer Unendlichkeit an forschenden Blicken durchleuchtet zu werden.
Eine Kreuzfahrt im grossen Delta
Ausgangspunkt für einen Besuch des riesigen Mekong-Deltas ist die vietnamesische Stadt Chau Doc, die von der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh via Schiff auf dem Fluss Bassac erreichbar ist. Hier beginnt ein Labyrinth aus Dschungel und Wasser, geformt von den acht Armen, in denen der Mekong sich verzweigt, bevor er ins südliche chinesische Meer mündet. Das Delta ist eine Welt für sich, wo hunderttausende von Menschen im Wasser leben: in Pfahlbauten, auf Hausbooten aus Holz, umgeben von Haustieren. Eine interessante Art, das Delta zu besuchen, ist auf einer Kreuzfahrt mit der «Bassac». Das mit Doppelkabinen ausgestattete Schiff legt in Can Tho, der grössten Stadt des Deltas, ab. Das Boot fährt zu schwimmenden Märkten, Handwerksstätten, Bauernhöfen oder Fischzuchten. Am Abend an einem Aperitif auf Deck zu nippen, während die Sonne den Himmel mit leuchtend roten Strahlen erfüllt, ist ein unvergesslicher Moment.
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