Kühles Bier und heisse Quellen
Pilsen, Prag, Marienbad: Diese «Touring»-Leserreise führt zu Kulturerben Europas und vermittelt Einblicke in ein Stück tschechische Nationalkultur: die Kunst des Bierbrauens.
Bereits kurz nach dem tschechischen Zoll wird klar, dass Reisende ein Land betreten, das eine ganz andere Geschichte hat als Europas Westen. Keine putzigen Häuschen, begrünte Kreisel oder Geranienalleen in den Dörfern, an denen man vorbeikommt. Viele Häuser sehen aus, als könnten sie eine Renovation vertragen und die Gärten sind verwildert. Fünfzig Jahre Kommunismus haben ihre Spuren hinterlassen, gleichzeitig aber verhindert, dass die Landschaft wie in der Schweiz zubetoniert wurde. Der Blick aus dem Busfenster verliert sich in prächtigen Wäldern von scheinbar unendlicher Weite. Daneben saftige Weiden und glitzernde Seen. Die Aussicht lässt sich um so mehr geniessen, als der Bus auf den Strassen, die grösstenteils nach 1990 gebaut oder saniert wurden, buchstäblich dahinsurft.
Zeitlose Lyrik
Auch von Marienbad, dem ersten Etappenziel dieser Leserreise, geht ein Gefühl von Weite und Gelassenheit aus. «Gesundheit ist unser kostbarstes Gut» könnte das Motto der 15000-Einwohner-Stadt sein, die bereits im 19. Jahrhundert so etwas wie Wellness propagiert hat. Rund 40 Heilquellen entspringen hier, und seit 1813 werden diese von öffentlichen Thermalbädern genutzt. Die zahlreichen Kuranlagen bieten Behandlungen gegen Bronchitis, Asthma, Allergien, Nieren-, Herz oder Harnwegsprobleme an. Es gibt (fast) kein Leiden auf dieser Welt, das in Marienbad nicht behandelt werden kann. Und sollten Patienten doch nicht ganz geheilt abreisen können, so haben sie doch einen Aufenthalt voller Ruhe und Entspannung geniessen können. Herumflanieren, die Zeit verstreichen lassen, die Vorzüge der Langsamkeit geniessen… und sich das packende Schauspiel der singenden Fontäne nicht entgehen lassen. Zu jeder ungeraden Stunde wird ein Wasserspiel gezeigt, untermalt von einem klassischen Musikstück. Vom Zusammenspiel zwischen Tschaikowsky und dem Wasserreigen geht eine unbeschreibliche Poesie aus – was ausgezeichnet zu Marienbad passt, wo zeitlose Lyrik allgegenwärtig ist. Aber Schluss mit Romantik: Nun geht’s an die Ergründung der Geheimnisse einer althergebrachten tschechischen Kultur, der Bierbrauerei.
Bierbrunnen
Acht Kilometer von Marienbad entfernt, empfängt Jiri Plevka, Chef der Brauerei Chodovar, in der sieben verschiedene Biere gebraut werden, die Gruppe. Während der Besichtigung weiht er alle in die Geheimnisse des Brauens von qualitativ hochstehendem Bier ein: «Ausgezeichnetes Quellwasser und Zutaten aus der Region. Nach einem 10- bis 25-tägigen Gärprozess lässt man das Bier zwischen drei und fünf Monate in den Bottichen ruhen.» Die lange Lagerzeit ist ausschlaggebend für die Qualität. Von dieser können sich alle an einer Degustation am Bierbrunnen selbst überzeugen. Bei der Gelegenheit stellt man fest, dass die Gastgeber nicht gerne durstig bleiben – dies erklärt auch, warum der durchschnittliche Bierkonsum pro Kopf und Jahr bei rund 142 Litern liegt!
Gut für die Gesundheit
Ein ganz anderes Ambiente erwartet den Besucher in Pilsen auf dem Brauereiareal des berühmten Pilsner Urquell. Eine Reihe von imposanten Gebäuden aus rotem Backstein erheben sich hier, umgeben von Hunderten von Bierkisten und unzähligen Baumaschinen für das Handling. Die Anlage ist so gross, dass Besucher per Bus auf dem Brauereigelände herumgeführt werden. Rund 1000 Angestellte sind in der Produktion von jährlich zehn Millionen Litern beschäftigt. Obwohl der Betrieb Industriegrösse hat, spielt die regionale Herkunft der Zutaten eine entscheidende Rolle. Sie bestimmt den charakteristischen Geschmack des Pilsner Urquell und die Konsistenz seines Schaumes: «Der Schaum eines richtigen Pilsners hält sich etwa fünf Minuten und hinterlässt Schlieren auf dem Glas», erklärt Tomas Raboch, während er die Vorzüge des tschechischen Nationalgetränkes preist: «Bei Nierenproblemen empfiehlt mein Arzt Bier.»
Prags kleine Schwester
Nach dem Abstecher geht’s nach Prag, wo dichter, aber flüssiger Autoverkehr herrscht. Etwas, das in einer anderen Hauptstadt Europas oder in unseren Schweizer Städten undenkbar wäre. Dichtes Gedränge herrscht hingegen in den Fussgängerzonen im Stadtzentrum, durch das sich ein nicht abnehmen wollender Touristenstrom wälzt. Den Blick nach oben gerichtet, bewegen sich die Besucher im Schneckentempo vorwärts und fotografieren die unzähligen Monumente, denen Prag ihren Ruf der schönsten Stadt Europas verdankt. Vor dem Nationalmuseum erstreckt sich der Wenzelplatz, der den Pragern besonders am Herzen liegt, denn 1989 haben sie sich hier versammelt, um den Rücktritt der kommunistischen Regierung zu fordern. Nach all den vielbesuchten Sehenswürdigkeiten ist Beschaulichkeit angesagt. Wir finden sie im Wallenstein-Garten, einem schönen Beispiel barocker Architektur. Von einer Parkbank aus bewundern wir die geometrische Anordnung der Gartenbeete rund um ein Wasserbecken. Im Sommer finden hier Konzerte statt, aber die gedämpfte Atmosphäre und das sanfte Plätschern des Wassers allein sind schon ein Genuss. Alle verspüren einen kleinen Stich im Herz, als wir Prag verlassen müssen… aber die Aussicht, dass die Rückfahrt nach Hause über Krumau führt, das den Übernamen «das kleine Prag» trägt, vermag doch zu trösten.
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Reiseangebot
Singende Fontäne, Marienbad
Die Tschechen lieben Musik
Besuch in der Bierbrauerei
Chodovar-Bier Bottich
Krumau

