Reisereportage
Skandinavien

  • Rentierherden, dichte Wälder und zauberhafte Fjorde
Loisirs

2011
Kirkenes im hohen Nordosten Norwegens

In Kirkenes im hohen Nordosten Norwegens scheint der Kalte Krieg nie ein Ende gefunden zu haben. Der nahe Grenzposten zu Russland ist noch immer streng bewacht und es ist kaum möglich, sich auf die andere Seite zu begeben oder einen Blick hinüber zu werfen. Die Schilder sind eindeutig: «Kein Zutritt ohne Berechtigung». Wer meint, trotzdem über die Grenze zu kommen, wird von der Grenzwache alsbald in die Wirklichkeit zurückgeholt. Es bleibt einem also keine andere Wahl, als die unendlichen dichten Wälder dieser Ecke der ehemaligen Sowjetunion aus der Ferne zu bewundern.

Die Teilnehmenden der Touring-Leserreise erreichen Kirkenes wahrscheinlich etwas «verwöhnt», nachdem sie in nur wenigen Tagen Schwedens, Finnlands und Norwegens Grenzen passiert haben, ohne sich dessen wirklich bewusst gewesen zu sein. Trotz der verschiedenen Nationalflaggen befindet man sich nämlich stets in Lappland, der Heimat der Sami, der grossen Rentierzüchter. Ausserdem herrschte am Tag zuvor eine ganz andere Atmosphäre. Da stand nämlich der Besuch von Rovaniemi, dem herzigen Heimatdorf des Weihnachtsmanns auf dem Programm, in das Kinder aus aller Welt jedes Jahr ihre Weihnachtsbriefe schicken.

Da kehren Besucher dem spannungsgeladenen Ort doch lieber den Rücken und besichtigen in Ruhe eine nahe gelegene Schlittenhundezucht. Dort werden sie von den sympathischen Vierbeinern mit Freudengebell und Schwanzwedeln empfangen. Ebenfalls empfangen werden sie von den samischen Hundezüchtern, die sie in die traditionellen Zelte einladen, vor denen die nicht wegzudenkenden Rentiere weiden.

An Bord

Kirkenes ist auch die Endstation der bekannten Hurtigruten-Schiffslinie. Ein Muss der norwegischen Mobilität, das sich niemand entgehen lassen sollte. Vor mehr als hundert Jahren dienten die Schiffe dem Post- und Warentransport in die Fjorddörfer nördlich des Polarkreises. Doch bald schon reisten auch Passagiere an Bord der Schifffahrtsgesellschaft Hurtigruten. Heute handelt es sich um eine richtige Kreuzfahrtgesellschaft, deren komfortable Kabinenschiffe mit erstklassiger Küche auf der Linie Kirkenes – Bergen in beiden Richtungen verkehren. Ideal ist das Schiff für den Besuch der malerischen Küstendörfer, da die Passagiere immer wieder an Land gehen und von einem reichhaltigen Ausflugsangebot profitieren können. Und all das im einzigartigen Licht der Mittsommersonne, welche die Nacht im Sommer zum Tag werden lässt. Ein unvergessliches Erlebnis auf dieser Reise.

Ein Ausflug zum legendären Nordkap, dem nördlichsten Punkt Europas, lohnt sich zweifelsohne. Am besten lässt sich der zu den magischsten Flecken der Erde gehörende Ort am frühen Morgen beim Frühstück im Panorama-Restaurant geniessen. Es steht auf einem Kliff, das steil ins scheinbar Unendliche des vom Winde gekräuselten Meeres abfällt. Ebenso zauberhaft ist die wilde, nur von den Lappen und ihren Rentierherden bewohnte Landschaft zwischen den Häfen von Honningsvag und Hammerfest, der nördlichsten Stadt der Welt.

Zwischen den Fjorden

Die Reise auf der «MS Trollfjord» ist etwas vom Entspannendsten, was man sich vorstellen kann. Da die Route durch ein für Norwegens zerklüftete Küsten typisches Labyrinth von Meerarmen, Felsen und Buchten führt, ist das Ufer stets in Sichtweite. Wunderbare Landschaften ziehen so an den Passagieren vorbei, die es sich auf den Liegestühlen an Deck gemütlich gemacht haben. Am Horizont sucht sich das dunkle Blau des Meeres seinen Weg durch das kräftige Grün des Festlandes. Dazwischen krönen hohe Felsen die tiefen Buchten der Fjorde. Und hie und da erscheinen am Ufer Gruppen farbenprächtiger Blockhäuser.

Eine umfassende Übersicht über alle Naturschönheiten des einstigen Wikingerreichs bieten die Vesteralen-Inseln. Das Leben der Einheimischen lernt man an der Küste in den kleinen Häfen der Dorschfischer und im Landesinnern auf den Bauernhöfen kennen. Vor der Ankunft in Svolvaer auf den Lofoten-Inseln, erleben die Passagiere einen der zauberhaftesten Augenblicke der Kreuzfahrt. Das mächtige Kreuzfahrtschiff fährt zwischen zwei riesigen Felswänden durch eine extrem enge Schlucht, in der es stecken zu bleiben droht. Und auf einmal öffnet sich vor den Reisenden der einzigartige Trollfjord, dessen Namen das Schiff stolz trägt – schlicht und einfach atemberaubend diese natürliche Schönheit.

Königlicher Abschluss

Südlich des Polarkreises, dessen Überquerung mit einem Aperitif auf Deck und langen Signalen der Schiffssirene gefeiert wird, bietet der Vega- Archipel ein weiteres Naturschauspiel. Ein Labyrinth von 6500 Inseln, Inselchen und Felsen, das zum Unesco-Weltnaturerbe gehört. Nur wenig später ein weiteres Highlight: Beim Anblick der Bergkette «Sieben Schwestern» hat man das Gefühl, in der Schweiz zu sein.

Schweren Herzens heisst es bald Abschied nehmen. Zum Glück liegt vor Bergen noch Trondheim, die historische Hauptstadt des norwegischen Königreichs. Beim Landgang in Trondheim wird einem so richtig bewusst, dass man sich den Verkehr und die ungeduldig an den Ampeln Wartenden nicht mehr gewohnt ist. Der Weg führt nun zu den Fialen der imposanten, mittelalterlichen Kathedrale hoch über der Stadt Trondheim. Dort befinden sich auch die Grabstätten der ersten Könige Norwegens.

Autor: Antonio Campagnuolo (Touring)

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