Eine Reise ans Ende der Welt
Endlose Ebenen, bizarre Berge, gewaltige Gletscher: In Argentinien, im Süden von Südamerika, werden Mythen lebendig und Träume wahr–mit der «Touring»-Leserreise.
Weit und breit kein Mensch, kein Haus – seit Stunden schon, nur die Pampa und vor uns die Strasse, schnurgerade. Irgendwo hinterm Horizont wartet die chilenische Grenze, dahinter der Nationalpark Torres del Paine mit seinen bizarren Felstürmen und der Lago Grey, an dessen Gestaden ein kleines Bungalow-Hotel auf uns wartet.
Nachbarn als Freunde
Die lange Autofahrt von der argentinischen Wüstensiedlung El Calafate nach Puntas Arenas im chilenischen Teil von Feuerland ist so etwas wie eine Verschnaufpause: Den Blick nach vorne gerichtet, lasse ich die Gedanken zurückschweifen auf die Fülle von Bildern und Eindrücken der letzten Tage. Ich erinnere mich an die Worte von Roby Romero Schröder, Reiseleiter mit deutschwalisischen Wurzeln auf der Halbinsel Valdés (siehe auch separate Spalte): «Die Weite dieses Landes macht aus Nachbarn Freunde. Wo so wenig Menschen auf so grossem Raum leben, ist man aufeinander angewiesen. Hilfsbereitschaft wird selbstverständlich.» Südlich vom Rio Colorado bis zum Cap Hoorn erstreckt sich das Land über den halben Kontinent – und eine Fläche, die rund zehnmal grösser ist und zehnmal dünner besiedelt als die Schweiz; besiedelt von den Nachfahren jener Abenteurer, die vor 200 Jahren angesegelt kamen – aus Portugal, Deutschland und Wales. «Die Peruaner stammen von den Inkas ab, die Mexikaner von den Azteken», sagt Roby Romero, «wir Argentinier kommen von den Schiffen.»
Tango und Gletscher
Wir sind mit dem Flugzeug gekommen, von Zürich via Madrid nach Buenos Aires, Argentiniens brodelnde Metropole – und haben schon am ersten Abend einen Vorgeschmack auf den Geist bekommen, der Patagonien beseelt: Die Tango-Show, begleitet von enormen Steaks und rotem Wein, vermittelt jene Mischung aus Sinnlichkeit, Melodram und Sehnsucht, die das Land und die Menschen mit stets wechselndem Licht prägen. Staunend stehe ich vor den bizarren Eismassen des Perito Moreno, dem spektakulärsten der vielen Gletscher, die im Nationalpark Los Glacieros von den Anden herabfliessen und den Lago Argentino, den grössten Binnensee des Kontinents, donnernd mit Eisbergen bestücken. Der Wind treibt mir die Tränen in die Augen, während ich, begleitet von einem Gaucho der Estancia Cristiana, über die einsamen Landschaften reite. Die abgelegene ehemalige Schaffarm ist heute ein touristisches Vorzeige-Objekt mit integriertem Museum, das die Pionierzeit glorifiziert.
Seelöwen und Pinguine
Museal wirkt auch der rekonstruierte «Treno fin del mundo», der «Zug am Ende der Welt», der nahe der Feuerland-Metropole Ushuaia zur Erinnerung an Sträflinge, die hier unten die Wälder abholzten, durch den Nationalpark «Tierra del fuego» dampft. Mit einem Katamaran besuchen wir die felsigen, von Seelöwen und Esels-Pinguinen bevölkerten Inseln im Beagle-Kanal. Wir queren in zahlreichen Bussen und Ausflugsschiffen auf abenteuerlichen Strassen und romantischen Bergseen den Andengürtel – und kehren zurück vom chilenischen Puerto Mott ins argentinische Touristen-Mekka Bariloche, das seiner spektakulären Seen- und Berglandschaften wegen als «argentinische Schweiz» gepriesen wird.
Die Tiere des Weltnaturerbes Peninsula Valdés
Die endlose Steppe der Halbinsel Valdés in der Provinz Chubut befindet sich zwei Flugstunden südlich der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Hier konzentriert sich die patagonische Meeresfauna am dichtesten und artenreichsten – und das ist denn auch die unbestritten faszinierendste Attraktion dieses Küstenabschnittes. Zum Weltnaturerbe wurde die Gegend vor allem wegen der Glattwale, die von Juni bis November hier auftauchen. Eindrücklich, beinahe unheimlich die See-Elefantenkolonie in der Nähe des Leuchtturms bei Punta Delgada, wo auf der «Touring»-Leserreise im Hotel Faro Punta Delgada übernachtet wird. Die kräftigen Bullen – massige Kolosse – fangen laut grunzend immer wieder Streit an, um sich den besten Liegeplatz und den grössten Harem zu sichern. Wir wagen uns bis zirka zwanzig Meter an die Tiere heran, die uns scheu beäugen. An der Punta Norte lassen sich – allerdings aus etwas grösserer Distanz – hunderte von Seelöwen beobachten, während einem plötzlich ein kleines Gürteltier vor die Beine wuselt; sie sind schwierig vor die Linse zu kriegen, da sie dauernd in Bewegung sind. Putzig auch die Magellanpinguine, die sich zu zehntausenden am Strand und im Hinterland von Punta Norte tummeln. Diese befrackten Tiere kennen überhaupt keine Angst, müssen wir sie doch vor der Wegfahrt zuerst verscheuchen, weil sie unter dem Auto Schatten suchten...
Gut zu wissen

